MICHAEL BUCHINGERS UNTERSTE SCHUBLADE #1 | FAUX FOX Magazine

MICHAEL BUCHINGERS UNTERSTE SCHUBLADE #1

13.10.13
2 21

Der Kleinstadtneurotiker

An jenem trüben Samstagmorgen im vergangenen Oktober saß ich nach Ewigkeiten wieder einmal im Esszimmer meiner burgenländischen Großmutter und starrte aus dem Fenster. Es war mittlerweile einen Monat her, seit ich nach Wien gezogen war und ich machte es mir zum Vorsatz, meinen Großeltern mindestens einmal monatlich einen kleinen Besuch abzustatten und im Rahmen dieser Visite all meine bisherigen Lebensentscheidungen kritisieren zu lassen; scheinbar ein lieb gewonnenes Steckenpferd der älteren Generation Österreichs. Doch an diesem Samstag war es selbst nach einer halben Stunde zu keiner noch so subtilen Kritik an meiner Person gekommen -irgendetwas lief an diesem reichlich gedeckten Frühstückstisch also gehörig falsch. Meine Oma unterhielt sich stattdessen angeregt mit meinem Vater, während sie Käse und Wurst aßen. Ich hörte den beiden gespannt (ha!) zu, weigerte mich jedoch, ein Stück Käse auf eine Scheibe Wurst zu stapeln und dann davon abzubeißen, wie es mir mein Vater geraten hatte; ein Vorschlag, den ich mit einem äußerst finsteren Blick abtat, da ich meine Arterien ungern schon frühmorgens verstopfte. Ab und an nippte ich stattdessen an meinem Mineralwasser und nickte zustimmend, wenn ich es gerade für angebracht hielt. Und dann wandte meine Großmutter mir ihren Blick zu und sagte aus heiterem Himmel zu mir „Und…hast du in Wien schon eine feste Freundin?“, womit dem allwöchentlichen „Lasst uns Michael auf passiv-aggressive Weise kritisieren!“-Ritual der offizielle Startschuss gegeben war.

Ich mag meine Großmutter wirklich überaus gerne, aber wie konnte eine alte Frau nur dermaßen grausam sein? Am liebsten hätte ich auf der Stelle laut zu weinen anfangen und dabei mit Wurst und Käse um mich geworfen.
„Nein, habe ich nicht“, sagte ich stattdessen freundlich und hoffte, dass das Thema damit abgehakt war. Doch Oma holte zum erneuten Schlag aus und fragte „Warum?“. Solche Grausamkeiten konnten meiner Großmutter nur im zweiten Weltkrieg beigebracht worden sein. Natürlich konnte ich ihr jetzt an Ort und Stelle meine Homosexualität beichten, doch ich fürchtete, dass meine Großmutter dabei entweder eine Herzattacke erleiden könnte oder mich andernfalls mit einem Kreuz und reichlich Weihwasser aus ihrem Haus jagen würde.

So blieb ich mysteriös und sagte lächelnd „Ich weiß es nicht.“ Für mich war diese Diskussion damit zu Ende, doch meine Oma wusste natürlich, woran mein Pech in der Liebe liegen musste. „Weiß du, in Wien sind doch alle verrückt!“, fing sie an und ich konnte nur annehmen, dass ihr diese Flause von der „Barbara Karlich Show“ in den Kopf gesetzt worden war. „Willst du nicht wieder zurück ins Burgenland ziehen? Da findest du sicher schnell eine Freundin und dann könnt ihr heiraten und ein Haus bauen!“.

Vorsichtig ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen; einerseits, um mich unauffällig über die Position aller Notausgänge zu vergewissern und andererseits, um Blickkontakt zu meinem Vater aufzubauen. Seinem belustigten Gesichtsausdruck konnte ich entnehmen, dass auch er seine Mutter selten so in Fahrt erlebt hatte.
Mit einer Aussage hatte Oma aber gar nicht so Unrecht: Manche Einwohner der Bundeshauptstadt waren durchaus ein wenig „eigen“.

Als ich im vergangenen Oktober endlich den großen Umzug von meinem ruhigen burgenländischen Heimatort ins vergleichsweise hektische Wien tätigte, konnte ich ja nicht ahnen, wie befreiend es sein würde, anonym unter über anderthalb Millionen Menschen zu wohnen. Ich komme ursprünglich aus einem kleinen Ort mit 1000 Einwohnern, wo jeder jeden kennt und einem sämtliche Fehltritte jahrelang vorgehalten werden: man erinnere sich zum Beispiel an das verhängnisvolle Fondue-Fiasko von 2002, seit dem mich meine nachtragende Nachbarin nur noch mit „Das ist Michael. Er hat sich einmal in mein Wohnzimmer übergeben!“ vorstellt. Und obwohl ich mich schon seit Jahren selten im Dorf blicken lassen, wird selbst in meiner Abwesenheit noch immer heiß darüber diskutiert wird, ob ich – mit meinen unerhört langem Haar und meinen unvorteilhaft engen Hosen – denn nun ein Junge oder ein Mädchen bin.

Zu behaupten, dass ich daher froh war, endlich nach Wien zu ziehen wäre ähnlich untertrieben, als würde man sagen, Charlie Sheen sei „leicht strange“. Ich konnte es kaum erwarten, umzuziehen und sobald ich eine passende Wohnung gefunden hatte, machte ich mich mit Sack und Pack auf den Weg nach Wien; eine Stadt, deren Slogan schon verriet, dass sie „anders“ war.

Und das war sie tatsächlich: Schon an meinem ersten Tag, als ich gerade mit der U-Bahn zu meiner neuen Wohnung fuhr, wurde mir die unglaubliche Vielfalt der Bevölkerung vor Augen geführt, als ich eine Asiatin im besten Alter dabei beobachten durfte, wie sie sich voller Elan mitten in den Bahnwagen übergab.

„Sieh sie dir nur an, Michael!“, dachte ich mir, als sie mit gerümpften Buckel ihr Innerstes herauswürgte und allen Passagieren dieser U3 auf subtile Weise zeigte, was sie an diesem Tag bisher zu sich genommen hatte. „Sie genießt ihr Leben in vollen Zügen und es ist ihr dabei egal, was die anderen von ihr – oder ihrem Mageninhalt – denken! So willst du sein, wenn du groß bist!“. Als wäre nichts gewesen, stieg mein neues Vorbild dann nonchalant über sein Erbrochenes hinweg und setzte sich auf einen freien Platz, wo es wissbegierig eine „Heute“ aufschlug und zu lesen begann. Das schönste an dieser Geschichte: Abgesehen von mir schien das, was die Dame da gerade so schamlos angerichtet hatte, niemanden sonderlich zu kümmern. Unterdessen erzählt meine Nachbarin noch immer kopfschüttelnd davon, wie unüberlegt es doch von mir war, mich auch ausgerechnet über ihren Perserteppich zu übergeben.

Doch damit endete meine kleine Entdeckungstour nicht. Schon am kurzen Weg von der U-Bahn-Station zu meiner Wohnung wurde ich zweimal von aufgeweckten Umweltschützern belästigt, habe einen Mann beobachtet, der im Cowboy-Kostüm ausgelassen und äußerst erotisch zu Musik tanzte, die scheinbar nur er hören konnte („Wie eine übergewichtige, texanische Ally McBeal!“, dachte ich mir) und bekam den Satz „Haben Sie vielleicht eine kleine Spende für mich, gnädiges Fräulein?“ öfter zu hören, als ich an dieser Stelle zugeben möchte. Manche Dinge ändern sich eben nie.

Wenngleich diese Begegnungen für den ein oder anderen vielleicht ein wenig merkwürdig oder abschreckend klingen möchten, so kam ich an meinem ersten Abend in Wien dennoch zu einer freudigen Erkenntnis: „Michael, neben diesen eigenartigen Menschen scheinst du ja geradezu normal!“

Nach all den Jahren, die ich in meinem kleinen burgenländischen Heimatort als auffällige Persona non grata verbracht hatte, deren Kleidungsstil ständig mit den Worten „Oh, sieh nur an: Dieser merkwürdige Buchinger-Junge ist schon wieder kostümiert!“ bemerkt wurde, war ich – zumindest im Vergleich zu unpässlichen Asiatinnen und kessen Cowboys – endlich halbwegs normal.

Dem Blick meiner Großmutter konnte ich entnehmen, dass die Frage, ob ich denn nicht wieder zurück ins Burgenland ziehen wolle, überaus ernst gemeint war und – gemeinsam mit dem immer noch schwebenden Angebot von Wurst und Käse – nach wie vor im Raum stand. Ich hätte meiner Oma an dieser Stelle erklären können, wie toll die Stadt Wien doch war; dass man dort anonym und frei war und sogar die Möglichkeit ergreifen konnte, am helllichten Tag in die U-Bahn zu kotzen, wenn einem gerade danach war, und es noch dazu niemanden wirklich störte. Stattdessen ersparte ich meiner Großmutter die ekligen Anekdoten und sagte lächelnd: „Nein, Oma, ich mag Wien. Wien ist…anders!“

(Michael Buchinger – und auf YouTube)

2 comments

  1. Steffen S.
    Reply

    Ich habe gerade gebannt deine Kolumne gelesen und muss sagen, dass ich mich darin wiederfinde.

    Das Landleben hat so seine Eigenheiten z. B. in Form von >äußerst beschäftigten< älteren Mitmenschen, die hinter der Gardine am Fenster stehen und hoffen den Nachbarn dabei zu erwischen, wie er einen Toten im Garten vergräbt. Vielleicht potentielle Jessica Fletcher Newcomer, man weiß es nicht.

    Nächstes Jahr gehts dann wohl auch für mich in die Stadt. :-D

    Super Kolumne! :-)

    LG, Steffen (aus …heim, bei Rheinbach, bei Bonn, bei Köln)

  2. Esther
    Reply

    Den Text fand ich wirklich super und kann mich auch echt damit indentifizieren! Ich bin ne Berliner Göre ;) (d.h. afgewachsen in ner großstadt voller verrückter) und keine 10 Pferde bringen mich in ein Dorf oder auch eine “Kleinstadt” (auch Dorf). Höchstens um dort meine Ferien zu verbringen, wobei selbst die zu schade sind…
    Insofern, ich kann dich echt verstehen!

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