MICHAEL BUCHINGERS UNTERSTE SCHUBLADE #5 | FAUX FOX Magazine

MICHAEL BUCHINGERS UNTERSTE SCHUBLADE #5

07.12.13
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Ich wünschte, ich wäre spontaner. Seit nun schon 10 Jahren trage ich immer den selben Haarschnitt, bestelle stets das gleiche bei meinem Lieblings-Asiaten und bin dafür bekannt, die Last-Minute-Ausgeh-Vorschläge meiner Freunde mit dem Argument „Es ist nicht möglich, denn ich trage bereits meinen Pyjama!“ in den Wind zu schießen. Seit Jahren nun schon versuche ich, dieses Muster zu brechen, doch es möchte mir nicht gelingen: Ich weiß nunmal gerne, was mir bevorsteht, anstatt mich in völlig unbekannte Szenarien zu stürzen. Im vergangenen Frühjahr versuchte ich erneut, diese Einstellung zu überwinden: zwei Tage vor einem großen, ausverkauften Pop-Konzert beschloss ich, dieses gerne besuchen zu wollen. Mit mehr Überwindung, als ich an dieser Stelle zugeben möchte, erstellte ich also ein Facebook-Posting, in dem ich meine Freunde höflich dazu aufforderte, sich doch bitte nach einem weiteren Ticket umzuhören. Schon kurze Zeit später hatte mein Bekannter Klaus geantwortet: „Ich habe eine zweite Karte, du kannst mit mir gehen, wenn du willst.“

An dieser Stelle fing ich auch schon an, an meiner neuentdeckten Spontaneität zu zweifeln. Um ehrlich zu sein kannte ich Klaus nicht sonderlich gut: Wir hatten uns beim Ausgehen kennengelernt und uns zwar gut verstanden, aber keine richtige Unterhaltung geführt. Schien es denn nicht gefährlich und unüberlegt, mit dieser flüchtigen Bekanntschaft auf ein Konzert zu gehen? Wollte ich nicht lieber darauf verzichten und stattdessen zuhause die Chartshow mit Oliver Geissen schauen? Nein, das wollte ich nicht! Es war ein neuer Michael in der Stadt – er war spontan, missachtete seine Zweifel und gab in unregelmäßigen Abständen den Ausruf „YOLO!“ von sich, auch wenn er gar nicht in die Situation passte. Überzeugt von meiner neuen Lebenseinstellung willigte ich also ein und bekam zugleich die nächste Message von Klaus: „Wie du weißt, wohne ich nicht in Wien. Ich schlage also vor ich komme am Samstag zu dir, wir gehen gemeinsam aus und am Sonntag gehen wir auf das Konzert!“. Das klang nach einem guten Vorschlag … ähnlich, wie „Hey, gehen wir später noch ins Theater!“ für Abraham Lincoln sicherlich auch nach einem guten Vorschlag geklungen hatte.

Kennt ihr das, wenn ihr auf einer Party seid, ein bisschen getrunken habt und plötzlich glaubt, die besten Tänzer der Welt zu sein? „Oh yeah, ich bin sexy!“, denkt ihr euch, während ihr mit Freunden eine feurige Rumba, begleitet von Jazzhands, auf der Tanzfläche hinlegt. Doch am nächsten Tag findet ihr Partyfotos online und müsst ernüchtert feststellen, dass ihr beim Tanzen weniger „sexy“, sondern vielmehr wie Lord Voldemort und seine Schlange Nagini ausgehen habt. So ähnlich darf man sich auch die Beziehung zwischen Klaus und mir vorstellen: An jenem Samstagabend kam er aufgeregt in meine Wohnung und überreichte mir freundlicherweise eine kleine Vase als Gastgeschenk. Doch obwohl ich ihn noch Wochen zuvor beim Ausgehen für eine „interessante Persönlichkeit“ gehalten hatte, war mir schon wenige Minuten nach Klaus‘ Ankunft klar, dass ich betrunken sicherlich auch gute Zeiten mit einer Topfpflanze haben konnte.

Denn als ich anstandshalber nachhakte, ob er sich denn für Keramik interessiere, konnte ich ja nicht ahnen, dass mein Gast nun mit einem Referat über einen Verein namens „Crazy Ceramics“ halten würde, während dem ich nicht mehr zu Wort kam. Was war nur los? Wieso sprach er ohne Unterlass? Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in meinem Mietvertrag eine Klausel gibt, die besagt, dass nur ich wirre Monologe in meiner Wohnung führen darf. Sah er nicht, dass ich mich langweilte, oder kam er aus einem fremden Kulturkreis, in dem Augenrollen „Oh bitte, erzähl mir noch mehr über dieses Thema!“ bedeutete? Um ehrlich zu sein schien es mir ein bisschen so, als hätte Klaus nicht regelmäßig sozialen Kontakt zu anderen Menschen, und als nutze er die Situation nun aus, um sich von seinem seelischen Ballast zu befreien. Das war völlig legitim, denn um ehrlich zu sein nutzte ich ihn ja auch aus, um an meine Konzertkarte zu kommen. Doch hatte ich in meiner Spontaneität etwa eine emotionale Klette in meine Zuhause eingeladen?

Ich möchte hier nicht allzu sehr ins Detail gehen, indem ich diesen anstrengenden Abend erneut Revue passieren lasse. Stattdessen kann ich mir ein kleines Highlight nicht verkneifen: Ich sollte wohl erwähnen, dass Klaus Musiker ist und mir schließlich anbot, mir einen seiner Songs vorzuspielen. Normalerweise finde ich es ein bisschen anstrengend, wenn Musiker-Freunde mich dazu zwingen, ihre Musik zu hören, weil ich kein vergleichbares Herzeige-Talent habe: Als Revanche konnte ich sie allerhöchsten darum bitten, zur Happy Hour in meine Stammkneipe zu kommen und mir beim Trinken zuzusehen. „Sicher, warum nicht? Mehr Musik, weniger Reden!“, dachte ich mir an diesem Abend jedoch und erwartete mir, dass mein Gegenüber gleich eine Ukulele auspacken und „Thank You For Being A Friend“ trällern würde. Doch weit gefehlt! Was Klaus ausgelassen hatte, war das klitzekleine Detail, dass er Elektro-Musiker war: Anstatt eine rUkulele packte er also sein iPhone aus, legte es auf den Tisch und drückte auf „Play“, woraufhin ein 10-minütiger, instrumentaler Song den Raum erfüllte.

Wenn es irgendetwas eigenartigeres gibt, als zu zweit unter Schweigen den mechanischen Klängen eines Minimal-Stücks zu lauschen, dann ist das wohl, dabei plötzlich in unkontrollierbare Tränen auszubrechen – denn genau das war es, was Klaus als nächstes tat. Das war mir äußerst unangenehm – sollte ich aus Solidarität nun ebenfalls anfangen zu weinen oder mir stattdessen heimlich Notizen für meine Studie über bipolare Störungen machen? Konnten wir nicht wieder über „Crazy Ceramics“ reden? Als sein Tränenfluss jedoch plötzlich in Schluchzen ausartete, wusste ich, dass ich es hier nicht mehr mit einer normalen „traurigen Person“ zu tun hatte: Wenn er schon bei diesem instrumentalen Song weinte, was würde er dann erst anrichten, wenn er „Someone Like You“ von Adele hörte? Ich musste Klaus so schnell wie möglich aus meiner Wohnung bringen. Hastig wechselte ich das Thema: „Hey, wir wollten doch eigentlich ausgehen? Wo führst du mich hin?“. Zum Glück breitete sich ein kleines Lächeln auf den Lippen meines Gegenübers aus: „Okay, gehen wir. Du wirst es lieben!“ (führte er mich etwa zu einem All-You-Can-Eat Burger-Buffett, bei dem man Jogginghosen tragen durfte?).

Weit gefehlt! Als wir die berüchtigte Schwulenbar im Herzen Wiens betraten, beschloss ich, meinen Vorsatz für einen Abend zu vergessen: Normalerweise machte ich einen großen Bogen um typische Schwulenbars. Heute war das egal. YOLO! Ich wiederholte gerade im Kopf mein neues Mantra, als ein relativ korpulenter, verschwitzter Mann sich an mich schmiegte. „Weißt du, es gibt heute eine Aktion: Wenn du dein T-Shirt ausziehst, bekommst du einen Gratis-Drink!“. Aber genau das war mein Punkt! Nur, weil man etwas Dummes tun konnte, hieß das noch lange nicht, dass man es auch tun sollte, besonders wenn man einen Männerbusen hatte. Nur, weil ich die Möglichkeit hatte, eine wildfremde Person zu mir nach Hause einzuladen, hätte ich es lange nicht tun müssen und vielleicht doch lieber auf mein schlechtes Bauchgefühl hören sollen. Es war in diesem Moment, als ich beschloss, an jenem Tag bereits spontan genug gewesen zu sein: „Klaus, ich gehe nach Hause! Ruf an, wenn du einen Platz zum Schlafen brauchst.“, sagte ich meinem Gast, der sich mittlerweile ebenfalls entblößt hatte und einen Shot nach dem anderen kippte. Fluchtartig verließ ich die Bar.

Um 6 Uhr morgens wurde ich durch lautes Klopfen aus dem Schlaf gerissen. Widerwillig öffnete ich die Tür. Es war Klaus, der ohne viel zu sagen an mir vorbei in das Badezimmer torkelte und sich in meine Kloschüssel übergab. „Wenigstens hat er es noch rechtzeitig ins Bad geschafft!“, sagte ich mir, bis ich merkte, dass er auch ein Geschenk in meinem Aufzug hinterlassen hatte. In diesem Moment beschloss ich, endlich wieder so zu handeln, wie der „alte“ Michael es tun würde: Ich stellte ein Glas Wasser neben die Toilette, hielt Klaus die Haare, während er würgte, und würde ihm am nächsten Morgen dabei helfen, das mir versprochene Ticket zu verkaufen. Stattdessen würde ich zuhause bleiben, die Ruhe genießen und mich über die Chartshow mit Oliver Geissen freuen.

Doch vorerst hatte ich ein anderes, relativ peinliches Problem: Klaus war mittlerweile friedlich auf meiner Toilette eingeschlafen und ich beschloss, ihn dort liegen lassen, sollte sich noch mehr seines Mageninhalts einen Weg nach oben bahnen wollen. Dennoch hatte ich ebenfalls einen langen Abend hinter mir und musste mittlerweile dringend meinen Harndrang stillen. Meinen Gast zu wecken, war keine Option: Viel zu froh war ich, dass ich endlich meine Ruhe von ihm hatte. Verzweifelt ließ ich den Blick durch meine Wohnung schweifen und blieb schließlich an einem bestimmten Objekt hängen. Ein innerer Konflikt brach aus: War es falsch? Konnte ich das wirklich tun? „Doch, Michael. Sei ein letztes Mal spontan! YOLO!“, sagte ich mir. Während ich also am Boden meiner eigenen Wohnung kniete und leicht beschämt in eine Vase pinkelte, die mir mein verrückter Wochenend-Gast geschenkt hatte, fing ich noch einmal an, die Entscheidungen der letzten 24 Stunden ernsthaft in Frage zu stellen: Denn wenn das wirklich „spontan“ war, blieb ich lieber ein Langweiler.

(Michael Buchinger – und auf YouTube)

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