Monsterheart: Von Häschen und Werwölfen | FAUX FOX Magazine

Monsterheart: Von Häschen und Werwölfen

02.04.15
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Anna Attar alias Monsterheart ist eine facettenreiche Musikerin, die wohl kein Einleitungstext dieser Welt zur Genüge bzw. Gänze beschreiben könnte. Sie singt, spielt diverse Instrumente, legt auf, malt, schneidert Kostüme, studiert, dreht Videos und hat nebenbei auch noch die Zeit, genüsslich hier und da einen Walt Disney Streifen anzusehen. Aber nur wegen den Bösewichten, versteht sich. Ich habe die Wiener Künstlerin im literarisch angehauchten Café Phil getroffen und mit ihr über Irrenanstalt-Pop, den Hang zu Vampiren und die Wichtigkeit von Eiern auf der Bühne gesprochen.

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 Alexius: Hallo Anna, wie geht’s, wie steht`s?

Anna: Ich komme gerade vom Augenarzt, aber ja, ansonsten gut, danke. Im Moment habe ich sehr wenig Freizeit, bin viel am Proben und ein neues Lied hab ich auch in der Röhre. Kann mich also nicht beschweren.

Alexius: Schön zu hören, dass es bei dir läuft. Bitte ein kurzer Input für Unwissende, wie denn alles ins Rollen kam mit Monsterheart.

Anna: Ich war 21 und wusste nicht recht, wohin mit mir. Lange Denkprozesse waren die Folge und auch Versuche, herunterzubrechen, was mir im Leben wirklich wichtig ist und sein wird. Die Musik blieb übrig. Ich fing an, Lieder zu schreiben. Dann gab es da noch diese magische Begegnung mit einem Keyboard der Marke Casiotone 701, über den Nachbarn in Berlin kennengelernt. Das war so, wie wenn Bandmitglieder zusammenfinden.

Alexius: Vor Monsterheart hast du in der Gruppe Go Die Big City mitgemischt. Was ist davon hängengeblieben?

Anna: Das hat mich gesangsmäßig sehr geprägt, die Abzählreime, das Cheerleader-hafte beim Singen. Auch mein Songwriting wurde dadurch bestimmt beeinflusst.

Alexius: Du hast ja die reinste Universalstimme. Gab es eine Ausbildung dazu?

Anna: Nein. Ich singe, seit dem ich singen kann, also eigentlich immer schon. Die letzten fünf Jahre hat sich aber viel bezüglich meiner Stimme verändert, ich kann jetzt mehr mit ihr machen und ich habe das Gefühl, sie wird immer eigener. Man kann nicht mehr klar definieren, woher ich komme, ich habe sozusagen einen eigenen Akzent entwickelt. Etwas Neutrales, meine Sprache eben.

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 Alexius: Deine Musik ist ja auch eigen. Wie erklärst du sie jemandem, der Monsterheart nicht kennt?

Anna: Im Moment wird sie immer merkwürdiger, also vielleicht Weird Pop. Oder einfach Rummelplatz-Pop. Ein Rummelplatz neben einer Irrenanstalt.

Alexius: Und in welchen Momenten höre ich Rummelplatz-Irrenanstalt-Pop?

Anna: Im Dunkeln. Aber das gilt wohl generell für Musik, da sind die Sinne geschärft und man hört besser. Ich sehe mein Album immer noch als erzählerische Kinderbuchvertonung. Obwohl es nicht für Kinder gemacht ist. Das sind nämlich keine netten Märchen, eher Gebrüder Grimm-Style.

Alexius: Untermalt von einer schaurigen Orgel. Die spielst du auch selbst, oder wie war das?

Anna: Ich habe kein Instrument gelernt und spiele auch keines so wirklich. Die Aufnahmen mache aber schon ich selbst, da passiert halt viel am Computer. Mit der Zeit werde ich auch immer „skillfuller“ (ja, wir sprechen Denglisch) was das Produzieren betrifft. Ist wohl auch besser so, eine teure Produktion ist vom Budget her nicht drin.

Alexius: Somit fällt dann auch die Anschaffung einer Heimorgel flach, wie?

Anna: Die gibt es vielleicht sogar gratis irgendwo im Internet, zum Selbstabbauen.

Alexius: Eine Orgel hat für mich auch gruselige Züge. Die du ja sehr gerne hast. Woher kommt dein Hang zum Düsteren und Schaurigen?

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Anna: Der war im Kindergarten schon da. Ich hatte eine zweite Persönlichkeit, die in einem dunklen, schwarzen und kalten Schloss hauste. Kein Prinzessinnenschloss, eher ein Kerker. Mit süßen Sachen konnte ich schon damals nichts anfangen.

Alexius: Süße Sachen?

Anna: Barbies mit dieser rosa Zuckerwatten-Ästhetik. Hatte ich zwar auch, aber mein Augenmerk galt mehr den Tieren und Insekten. Die habe ich dann, aus einem kindlichen Wissensdrang heraus, zerlegt. Ich wollte wissen, wie es im Inneren ausschaut, versteht sich.

Alexius: Klar, ist auch viel spannender. Bei Barbie kommt nicht viel aus dem Kopf raus. Weil wir gerade beim Düsteren waren: Tag- oder Nachttyp?

Anna: Mittlerweile Tagtyp. Ich steh um acht Uhr auf und bin um 23 Uhr müde. Ich werde alt.

Alexius: Sommer oder Winter?

Anna: Definitiv Sommer. Jeden Tag 30 Grad, bitte danke.

Alexius: Damit könnte ich auch leben. Du bist ja an der Bildenden. Inwiefern beeinflussen sich Musik und Malerei in deinem Schaffen?

Anna: Beide Bereiche stehen sich auf jeden Fall sehr nahe bezüglich Strukturen, Bildlandschaften, musikalischen Flächen. Alles jedoch ultraabstrakt und schwer zu beschreiben.

Alexius: Und wenn du dich für eine Seite entscheiden müsstest (was du zum Glück nicht tun musst)?

Anna: Dann lieber renommierte Musikerin, die nebenbei malt, als eine bekannte Malerin, die nebenbei Musik macht. Alles jedoch altersabhängig, mit 50 mag ich auch nicht mehr auf der Bühne stehen. Jetzt aber schon noch, Musik ist gerade mein Schwerpunkt.

Alexius: Einen Auftritt von dir hab ich noch im Kopf, in der Arena war das: Da hast du dich kaum bewegt und gesagt hast du auch nur Tschüss.

Anna: Ja, stimmt. An dem Tag habe ich probiert, auf der Bühne einfach mal cool zu sein und nichts zu machen. Beim Konzert davor habe ich mich nämlich abgestrampelt, was vom Publikum relativ gering bis gar nicht erwidert bzw. verstanden wurde. Lag vielleicht auch an St. Pölten. Deshalb wollte ich mal etwas anderes probieren.

Alexius: Beim nächsten Mal bitte wieder zappeln. Weil wir gerade im Café Phil umgeben von Büchern sitzen, Lieblingsautor?

Anna: Robert Louis Stevenson. Zum Beispiel Kidnapped. Sehr, sehr lustig.

Alexius: Und filmtechnisch?

Anna: Tanz der Vampire von Polanski. Die Mischung aus lustig und düster, feine Sache.

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Alexius: Du hast doch auch generell einen Hang zu Vampiren, oder?

Anna: Ich bin einer! Daher auch die Augenoperation (sie lacht, die Augen einen Spalt geöffnet).

Alexius: Ich habe auch irgendwo gelesen, dass Walt Disney es dir etwas angetan hat. Vor allem die Bösewichte. War ja absehbar.

Anna: Ja, Scar (König der Löwen). Ich wollte auch immer so eine Narbe über dem Auge. Und einen Haken wie Kapitän Hook.

Alexius: Kopfkino. Erzähl mir lieber was über deine musikalischen Einflüsse.

Anna: Bryan Ferry und Beck mag ich sehr gerne. Oder La Femme, eine Band, die ich vor Kurzem erst neu entdeckt habe, was sehr selten vorkommt bei mir. Die neue Sound-Ästhetik spricht mich nicht so an. Alles ist grad so minimalistisch, aber extrem basslastig. Ich mag lieber die flächigen Sachen. 50er bis 90er, den Sprung in das 21. Jahrhundert schaffe ich irgendwie nicht.

Alexius: Muss ja auch nicht sein. Erklär mir lieber, wie du den Sprung von einer Idee zum fertigen Song schaffst.

Anna: Manchmal fängt es abstrakt an, mit nur einem Satz. Dann arbeite ich irgendwie weiter. Dann kann es aber auch vorkommen, dass ich Lust dazu habe, ein gutes Lied über Werwölfe zu schreiben. Da fällt mir die musikalische Untermalung natürlich leichter, weil ich ein konkretes Thema im Kopf habe: Nacht, Mond, Wald, düster, schwerfällig, du verstehst schon. Text und Musik werden verknüpft, nach meinem Empfinden.

Alexius: Wie ist dein Empfinden, wenn du an den bevorstehenden Gasometer-Auftritt mit Wanda und Co. denkst?

Anna: Gut. Ich passe halt nicht so rein, tanze ein wenig aus der Reihe. Ich singe nicht auf Deutsch, da fängt es an

Alexius: Würdest du denn gerne?

Anna: Das Problem ist, dass ich nicht weiß, welchen deutschen Dialekt ich singen soll. Ich habe immer schon auf Englisch gesungen, als Kind habe ich auch kaum österreichische Musik gehört. Deutsch ist auch nicht meine Schreibsprache. Der nächste Unterschied beim Arena-Auftritt: Ich bin die einzige! Frau.

Alexius: Aber du versuchst doch, auf der Bühne Eier zu haben (laut DiePresse.com)?

Anna: Schon. Ich bin von der Haltung her gern männlich und nicht so Mädchen-Mädchen. Ich habe früher Fussball gespielt und mich von der Girlie-Haltung distanziert. Ich will Kraft verströmen. Das ist nämlich das Äquivalent von Eiern. Da beziehen Männer ihre Power her. Meine kommt halt aus dem Bauch und dem Herzen.

Alexius: Warum ist denn der Musikbereich eigentlich fast gänzlich eine Männerdomäne?

Anna: Naja, Männer machen gern Musik, um “Weiber aufzureißen”. Ist zwar reine Spekulation, aber ich denke, der Ursprung dieses Problems ist sexuell. Oder die Mehrheit der Frauen ist im klassischen Bereich zu finden. Ich weiß es auch nicht (Augen gehen langsam wieder zu).

Alexius: Weil Männer und Musik: Warum glaubst du, dass die Gruppe Wanda im Moment so gehypt wird?

Anna: Weil da auch Nostalgie mitspielt. Österreich hat es an musikalischem Selbstbewusstsein gefehlt. Es ist lange Zeit nix passiert, jetzt plötzlich ganz viel. Man braucht Hymnen, auch zum Mitsingen. Und die Zeit war gerade reif dafür.

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Alexius: Ist die Zeit auch reif für einen Zuwachs bei Monsterheart?

Anna: Für den Gasometer-Gig sind wir zu elft. Flötistinnen, Glockenspiel, drei Keyboards und so weiter. Ein recht großer Aufwand, das durfte ich als Koordinatorin feststellen. Wir waren auf keiner Probe vollzählig.

Alexius: Verständlich, es war bei uns beiden ja schon schwer genug, einen Termin für das Interview auszumachen. Was sind deine Pläne in nächster Zeit?

Anna: Ein Release, der die gute Zusammenarbeit von mir und Wolfgang Möstl (Mile Me Deaf) bestätigt, kommt bald heraus. Am 10. April kann man mich im Café Leopold antreffen, am 17. April ist der bereits erwähnte Gasometer-Auftritt mit Wanda, dem Nino aus Wien und Worried Man & Worried Boy. Eine Woche darauf (23.4) bin ich in Zürich (Gonzo Club) unterwegs. Im Sommer möchte ich gern durch Italien reisen, von Stadt zu Stadt, von Tür zu Tür. Anklopfen und einfach mal sehen, wer mich spielen lässt, für ein Nachtmahl quasi.

Alexius: Auch zu elft? Ich meine, wenn elf Leute anklopfen… auch wenn es Italien ist…

Anna: Nein, nein, alleine.

Alexius: Im Notfall kannst du ja auch im Freien schlafen.

Anna: Ich kann nicht mal im Freien pinkeln (Augen weit geöffnet).

Alexius: Na dann, viel Erfolg!

 

Mehr von Monsterheart !!

Das Album gibt es nach wie vor. Bei SeaYou, I-TunesAmazon oder im Musikladen eures Vertrauens.

 

Redakteur: Alexius Ivo Baldissera

 

 

 

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